Theater Club

Der neu gegründete Theater-Club stellt an dieser Stelle regelmäßig Besprechungen zu den Stücken vor, die wir uns gemeinsam angesehen haben:

„Die Nervensäge“
Komödie von Francis Veber
Theater am Kurfürstendamm
20. Mai 2010

Komödie am Kufürstendamm


Der gefährliche Berufskiller Ralph (gut gespielt vom ehemaligen Tatort-Schauspieler Winfried Glatzeder) soll von seinem Hotelzimmerfenster aus einen Kronzeugen erschießen. Durch Probleme bei der Hotelverwaltung wurde dem Hemdenvertreter François (dargestellt von einem ebenfalls gut aufgelegten Marcus Ganser) dasselbe Zimmer zugeteilt. Ralph versucht alles, um François und den nervigen Hotelpagen (Gerd Lukas Strozer ist selbst eher nervig) loszuwerden, um seinen Auftrag ungestört zu erledigen .Der Hemdenvertreter jedoch möchte das Zimmer auf keinen Fall verlassen, da er seiner Frau, von der er getrennt lebt, einen Brief schrieb, in dem er sie bittet, ihn in genau diesem Zimmer zu treffen. Als dieser am Telefon erfährt, dass seine Frau nicht kommen will, startet er einen Selbstmordversuch. Und nachdem dieser gescheitert ist, erzählt er Ralph, wie sehr er doch seine Frau vermisse.

Der Killer versucht unterdessen, François ohne größeres Aufsehen zu erschießen. Aber auch dies gelingt ihm wegen des ständigen Auftauchens des Pagen und weiterer Selbstmordversuche von François nicht. Als er den Hemdenvertreter davon abhalten will, aus dem Fenster zu springen, rutscht er selbst ab und stürzt auf den nächsten Fensterabsatz. Der bewusstlose Ralph wird nun von Dr. Wolf (Christian Fischer in einer eher blassen Rolle) behandelt, der zufällig auch der neue Freund von François’ Ehefrau ist. Der Doktor geht davon aus, dass Ralph der Mann seiner Freundin ist, redet in Gegenwart von François schlecht über diesen und spritzt dem Verletzten ein Beruhigungsmittel, welches den Killer weiterhin von seinem Auftrag abhält.

Kurz darauf trifft auch François’ Frau Louise (Wicki Kalaitzi gibt die Rolle für eine Komödie allzu ernsthaft) ein. Nach längerem, recht zähem Hin und Her findet François zufällig das Gewehr von Ralph. Während dieser versucht, ihm die Waffe zu entwenden, löst sich ein Schuss. Als daraufhin die Polizei eintrifft, kommt es zu einer Schießerei, mit der das Stück dann endet.

Die 1971 in Berlin bereits einmal aufgeführte Komödie bietet nur einige wenige wirklich lustige Passagen. Dem Titel “Nervensäge“ jedoch werden die Charaktere François und der Page durchaus gerecht.

Die Idee für das Stück von Autor Francis Veber ist eigentlich ganz originell, doch eben wegen dieser Nervensägen zieht sich das ganze Stück doch sehr in die Länge, die Dialoge sind oft vorhersehbar und wiederholen sich, sodass nur selten das, was eine Komödie so sehenswert machen sollte, eintritt. Alles in allem ein eher durchschnittlicher Theaterabend.

Fabian Leyh

„Hamlet“
von William Shakespeare
Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

14. April 2010

Theater Hamlet

Shakespeare - vor allem diesen Namen assoziiert man mit klassischem Theater. Der Schweriner „Hamlet“ ist aber ein durchaus modern inszeniertes Stück, das dabei dennoch auch den Freund der alten Shakespeareschen Sprache auf seine Kosten kommen lässt.

Die Inszenierung beginnt mit dem Erscheinen des Geistes von Hamlets Vater, dem ehemaligen König von Dänemark (Thorsten Merten). Er war von den Wachen bereits mehrfach wahrgenommen worden. Diese informieren nun auch Hamlet (Markus Wünsch), woraufhin dieser in der folgenden Nacht zum Geist seines Vaters sprechen kann.

Der Geist befiehlt ihm, sein bisheriges Leben aufzugeben, um Rache an Claudius (Jochen Fahr) zu üben. Claudius wird vorgeworfen, seinen Bruder, den König, getötet zu haben, um auf den Thron steigen und dessen Frau Gertrud (Bettina Schneider) zur Braut nehmen zu können.

Thorsten Merten verkörpert den Geist sehr eindrucksvoll. Die Anlage der Rolle leidet aber deutlich darunter, dass der Geist allzu oft versucht, heimliche Lauscher durch wildes Geschrei zu verscheuchen, was unsinnig wirkt und dem Publikum einiges an Geduld abverlangt.

Hamlet ist mit der Anforderung, Rache zu üben, zunächst überfordert. Durch angeheuerte Schauspieler fühlt er schließlich aber Claudius auf den Zahn. Er lässt die Situation darstellen, die der Geist ihm schilderte, und Claudius bezieht das Schauspiel sofort auf sich, obwohl niemand von seinen vermeintlichen Taten wissen sollte. Dies ist ein sehr gelungener Höhepunkt des Stückes, da man die steigende Wut in Claudius´ Gedanken sehen kann und die hohe schauspielerische Klasse von Jochen Fahr zum Vorschein kommt.

Im Verlaufe des Stückes möchte Claudius Hamlet im Ausland ermorden lassen, da er merkt, dass Hamlet ihm auf die Schliche gekommen ist. Doch Hamlet durchkreuzt diese Pläne, und es kommt zum großen Showdown, einem Blutbad durch die Hand Hamlets, dem letztlich alle Beteiligten zum Opfer fallen. Mit einem letzten Rest Gift verabschiedet sich Hamlet schließlich selbst von der durch ihn zerstörten Welt. Der Regisseur Peter Dehler lässt das Gemetzel quasi in Zeitlupe ablaufen, was eindrucksvolle Bilder ermöglicht.

Dehler inszeniert seinen „Hamlet“ als ein ernstes Stück, bei dem die psychologischen Aspekte in der Beziehung der Hauptfiguren zueinander eine erfreulich vordergründige Rolle spielen. Modern wirkt die Bearbeitung des historischen Stoffes vor allem dadurch, dass Peter Dehler die Tragödie durch Mittel des Humors zu würzen versteht. Nur manchmal überreizt der Regisseur hier allzu sehr. So wirkt es eher albern, wenn die Totengräber (Jana Kühn, Klaus Bieligk) ihr Handwerk veranschaulichen. Dies mutet eher nach einem Kindertheater als nach einem ernsthaften Shakespeare-Stück an und wirkt absolut unpassend, was aber kaum etwas an dem ansonsten sehr ansprechenden Theaterabend ändert. Der Schweriner „Hamlet“ bietet große Schauspielkunst in einer gelungenen, inspirierenden Inszenierung!

 

„Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist
Berliner Ensemble

2. März 2010

Kleist

Der Dorfrichter Adam - dargestellt von einem der Stars der deutschsprachigen Theaterszene, nämlich Klaus Maria Brandauer - in der Kleist-Komödie „Der zerbrochene Krug“, die erst kürzlich mit dem Publikumspreis „Berliner Aufführung des Jahres 2008/09“ ausgezeichnet wurde. Das war schon einiges an Vorschusslorbeeren!
Und tatsächlich stellte sich das unter der Regie von Peter Stein entstandene Stück für alle Mitglieder des Theaterclubs als ein gelungenes Schauspiel heraus.

Dieses wird eröffnet durch einen Dialog zwischen dem Dorfrichter Adam (wirklich genial verkörpert durch Karl Maria Brandauer) und dem Schreiber Licht (Michael Rotschopf). Der Richter ist dabei, sich eine Wunde am Bein zu verbinden, und erzählt dem Schreiber, wie er durch einen Sturz zu dieser Wunde gekommen sei. Anschließend nennt Schreiber Licht den Grund für sein Kommen: Er habe erfahren, dass der Gerichtsrat Walter (ebenfalls köstlich dargestellt von Martin Seifert) bereits auf dem Weg in das Dorf sei, um dem Gerichtstag beizuwohnen, damit er sich einen Eindruck von Adams Rechtsprechung verschaffen könne.

Doch ausgerechnet an diesem Tag kommt es zur Katastrophe. Diese nimmt schon ihren Lauf, als die Magd verkündet, sie könne die Perücke des Richters nicht finden. Dem Schreiber erzählt Adam, dass seine erste Perücke in Utrecht beim Perückenmacher zur Reparatur sei, in die zweite aber habe die Katze gejungt, er habe das heute Morgen erst entdeckt.

In diesem ungünstigen Moment erscheint der Gerichtsrat Walter. Sehr komisch zu sehen, wie der Richter ohne Perücke und mit Wunden am Kopf dasteht, aber die Kläger und Beklagten bereits auf sein Erscheinen warten. Walter entscheidet, dass der Richter ohne Perücke Gerichtstag halten solle.

Vor Gericht erscheint Frau Marthe Rull (Tine Engel). Sie bezichtigt Ruprecht (Roman Kanonik), den Verlobten ihrer Tochter Eve (Marina Senckel), letzte Nacht ihren Krug zerbrochen zu haben. Die drei Darsteller fallen in ihrer schauspielerischen Leistung doch erkennbar gegenüber Brandauer und Seifert ab, sind auch stimmlich zum Teil recht blass.

Der Richter jedenfalls zeigt sich schon sehr früh und ohne jede Beweisaufnahme geneigt, Frau Marthe Recht zu geben, als Walter eingreift und ihn dazu drängt, doch auch einmal Ruprechts Version des vorangegangenen Abends anzuhören. Das Publikum weiß zu diesem Zeitpunkt längst, dass Adam selbst der Schuldige ist. Bei dessen abendlichem Versuch, sich die Jungfer Eve gefügig zu machen, zerbrach er auf der Flucht vor dem gehörnten Verlobten Ruprecht den Krug. Und diese pikante Konstellation birgt natürlich eine Menge Komik, etwa wenn der strenge Gerichtsrat Walter feststellt: „Wenn Ihr selbst, Dorfrichter Adam, den Krug zerschlagen hättet, könntet ihr nicht eifriger allen Verdacht von Euch auf jenen jungen Mann hinwälzen als jetzt.“

Nach allerlei Verwicklungen und Widersprüchlichkeiten, die in der Umsetzung aber zum Teil wenig spritzig inszeniert sind, wird der Dorfrichter letztlich doch überführt, denn eine Zeugin hatte seine Perücke im Weinspalier unter Eves Kammer gefunden. Mit dieser Perücke erscheint sie vor Gericht, und Eve gesteht, dass der Richter bei ihr gewesen sei. Als Adam das aus Eves Mund vernimmt, springt er aus dem Fenster und sucht das Weite.

Norbert Joswig und Leon Fritz (10)

 

„Herz der Finsternis“ nach Joseph Conrad
Deutsches Theater Berlin

7. Januar 2010

Deutssches Theater Berlin


„Das Grauen, das Grauen!“ – dies sind die letzten Worte in dem im Deutschen Theater Berlin am 17. September 2009 uraufgeführten Stück „Herz der Finsternis“. Ein Theaterstück, das keineswegs grauenvoll erscheint, sondern im Gegenteil überzeugend durch den Regisseur Andreas Kriegenburg umgesetzt wurde.
Interessant ist bereits die Bearbeitung (John von Düffel) des Stückes, das auf Joseph Conrads berühmter gleichnamiger Erzählung basiert, denn einen Erzähltext für die Bühne aufzubereiten, ist schon ein Wagnis.

Conrads Buch berichtet von den Erfahrungen des Unbekannten, Wilden, die Kapitän Marlow auf seiner Reise in den Kongo erlebt - eine Reise in das Innere des afrikanischen Kontinents - in das Herz der Finsternis. Dabei wartet in der Tiefe des Dschungels Fremdes, Unerforschtes und Neues auf den Kapitän und seine Mannschaft. Am Ende dieser Unternehmung steht eine Begegnung mit Kurtz (sehr markant verkörpert durch Markwart Müller-Elmau), den zurückzuholen Marlow ausgeschickt worden war. Der ursprünglich von einer Firma ausgesandte Kurtz schuf sich dort in der unkontrollierten Wildnis ein eigenes Reich und wird nun von den Eingeborenen wie eine Art Gott verehrt.

Das Unbekannte, die Wildnis wird durch mehrere Meter hohe, vollkommen abgemagerte, teilweise mit Schlamm bedeckte Puppen verdeutlicht, die zeitweise die ganze Bühne einnehmen. Die Darsteller (als die Weißen) lenken diese Puppen wie Marionetten, sie haben die Verhungernden Afrikas gewissermaßen in der Hand. „Da nimm“, sagen die Schauspieler zu den Puppen und geben ihnen Essensbrocken und Buchseiten zu essen. „Da nimm doch!“, schreien sie und werfen es ihnen gleichzeitig an den Kopf, als diese nur dasitzen und das Essen nicht mehr schaffen zum Mund zu führen. Sehr eindrucksvoll ist diese Szene, zeigt sie doch die Überheblichkeit der modernen, zivilisierten Welt in der Art und Weise des Gebens durch die Schauspieler.
Schon der Blick ins Programmheft offenbart mit Blick auf die Darsteller Erstaunliches: So wird Kapitän Marlow durch jeden der Akteure (Natali Seelig, Daniel Hoevels, Peter Moltzen, Harald Baumgartner, Olivia Gräser, Elias Arens und Markwart Müller- Elmau) gespielt, wobei einzig Natali Seelig so etwas wie eine herausragende Funktion dabei zukommt, denn sie verkörpert so etwas wie die Erzählinstanz. Dies tut sie mit einer großen stimmlichen und schauspielerischen Variationsbreite, weshalb man (zumindest vor der Pause) auch nie den Eindruck bekommt, hier würde einfach nur ein Erzähltext präsentiert.

Während des Theaterstückes ziehen sich die Darsteller mehrfach auf der Bühne um und wechseln vom Designer-Anzug zu lehmverschmierten Körpern und wieder zurück. Für Aktion ist also hinreichend gesorgt. Großartig und außergewöhnlich ist die Idee, eine Dschungel-Geräuschkulisse von den Protagonisten auf der Bühne erzeugen zu lassen, und zwar unter Verwendung von Stäben, Rohren, Ketten, Rasseln und allerlei Behältnissen.

Im zweiten Teil der Aufführung ziehen sich die riesigen Puppen zurück, jetzt konzentriert sich Kriegenburg besonders auf das gesprochene Wort - auf die Reise in das Innere. Die Akteure, die an stählernen Leitern hängen, welche sich zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum befinden, bilden einen Chor. Teilweise ist es schwierig, diesem zu folgen, da der Sprechchor doch recht langatmig erscheint und einzelne Passagen nicht synchron vorgetragen werden. Jetzt entsteht leider auch keine wirkliche Spannung mehr.

Dennoch bleibt am Ende ein positiver Gesamteindruck: Darbietung und Interpretation sind sehr eindrucksvoll und offenbaren eine andere Art des Theaters. Alles in allem handelt es sich um eine ansprechende Art, Theater innovativ darzustellen und zu gestalten, welche durch einen ausverkauften Theatersaal belohnt wurde.

Julia Henkel (K2), unter Mitarbeit von Sandra Mann (K2)

 

 

 

„Andorra“ von Max Frisch,
Berliner Ensemble

17. Dezember 2010

Andorra

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch behandelt in seinem um 1961 uraufgeführten Drama „Andorra“ die vermeintlich überstrapazierte Judenfrage. Diese rückt jedoch im Laufe des Stückes in den Hintergrund und das Geschehen entwickelt sich zu einer Suche nach Identität und der Frage nach dem Anderssein.

Hauptfigur in diesem Stück ist der junge Andri (Thomas Niehaus), unehelicher Sohn eines  andorranischen Lehrers (Norbert Stöß). Dieser gibt seinen eigenen Sohn aufgrund der konservativen Auffassungen in Andorra als von der Grenze gerettetes Judenkind aus. Denn während sich Andorra noch in Frieden und Sicherheit wägt, bedrohen die „Schwarzen“ im Nachbarland schon die Juden.

So wächst Andri bei seinem Vater und dessen neuer Frau auf, die gemeinsam eine Tochter Barblin (Judith Strößenreuter) haben, zu der Andri eine enge emotionale Bindung verspürt. Als er bei seinem „Pflegevater“ schließlich um Barblins Hand anhält und dieser sie ihm verweigert, führt Andri dies auf seine Identität als Jude zurück, denn im Laufe des Stückes werden die Anfeindungen der andorranischen Bürger gegen den vermeintlichen Außenseiter Andri immer dramatischer.

Gedrängt in die Rolle des „Anderen“, ist er bald selber von seinem Anderssein überzeugt. Daran ändert sich auch nichts mehr, als seine Mutter auftaucht und seinen Pflegevater, der sich nun als sein leiblicher Vater entpuppt, zur Rede stellt. Andri stellt seinen Eltern die zentrale Frage „Wie viele Wahrheiten habt ihr?“ und beschließt, die Tatsache, kein Jude zu sein, nicht anzunehmen.

Geprägt durch die vielen Vorurteile der Anderen, sieht Andri jene verwerflichen Charaktereigenschaften, die den Juden kollektiv zugesprochen werden, bald auch in sich selbst, seine wahre Identität und das Bildnis, welches Andri einmal von sich hatte, gehen verloren. Er übernimmt die Vorurteile der Andorraner, macht sie sich selbst zueigen und stirbt, als die „Schwarzen“ kommen. Er opfert sich in dem Wissen, zwar kein Jude, aber doch so „anders“ zu sein wie vermeintlich jeder Jude auf dieser Welt.

Interessant zu sehen ist auch der Aufstieg und Fall von Andris Vaters. Norbert Stöß lässt den Zuschauer mit seiner Art zu spielen sehr klar nachvollziehen, wie der Lehrer vom aufrechten, moralischen Idealisten zum degenerierten, gebrochenen Mann geworden ist, der sich schließlich das Leben nimmt.

Geprägt vom Verlust des Bruders und Geliebten sowie des Vaters, verliert die junge Barblin den Verstand und versucht im letzten Bild des Stückes, den Platz Andorras zu „weißeln.“ Eine eindrucksvolle, ergreifende Szene, zeigt sie doch den krankhaften Wahn der Andorraner, die als ihre größte Tugend ihre Unschuld bezeichnen, und das wo doch jeder auf seine Weise eine Mitschuld an Andris Tod trägt. Der feige Charakter jedes Andorraners, nicht zuletzt des Vaters, steht somit sehr konträr zu der weißen Farbe, die der Außenwelt zwar Unschuld suggeriert, allerdings nichts weiter als eine außenwirksame Manipulation der Wahrnehmung ist, vergleichbar mit der oberflächlichen Wahrnehmung Andris als Jude.

Insgesamt ein gelungener Theaterabend, der auf eine unterhaltsame Weise sehr nachdenklich macht.

Melanie Woggan (K1
)

 

„Jenseits von Angela”
ein Programm des Berliner Kabarett-Theaters „Distel“
12. November 2009

Distel

Politiker nehmt Euch in Acht!

Die Armen! Da werden sie doch gnadenlos durch den Kakao gezogen, unsere Politiker, all ihre Schwächen angeprangert und nichts bleibt unversehrt.
Die Krise ist ausgebrochen. Doch nicht nur in der Wirtschaft und den Finanzen, sondern nun auch in der Politik. Die Kanzlerin ist spurlos verschwunden, die mächtigste Frau im Staat ist schlichtweg unauffindbar. Ersatz muss her und wer bietet sich dafür besser an als ein Durchschnittsbürger, volksnah, unvorbelastet, fügsam - kurzum ein bisschen von allem. Zwei Assistenten der Generalsekretäre beider Regierungsparteien (Ronald Pofalla von der CDU und Dirk Niebel von der FDP), gespielt von Dorina Pascu und Timo Doleys, sind mit dieser hochwichtigen Angelegenheit beauftragt und machen sich auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten.

Einen scheinbar unschuldigen Zuschauer ziehen die beiden Regierungsvertreter aus den Reihen des Publikums und erklären ihn zu seinem größten Erstaunen zum neuen Kanzlerkandidaten. Nun kann es richtig losgehen. Schließlich muss der Auserwählte noch geschliffen werden, um den Posten des Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland einnehmen zu können.

Nach anfänglichem Sträuben widmet der von Edgar Harter hervorragend gespielte ahnungslose Berliner Karl-Heinz Diernowski der Gier des Staates nach Geld und der damit verbundenen ausbeuterischen Steuereintreibung eine kleine Hymne. Die unbekümmerte Schuldenfreudigkeit von Staat und Bürger wird in einem heiter anmutenden Lied gepriesen. Sorglos werden die nachfolgenden Generationen mit Schuldenbergen und Umweltzerstörung belastet. Die Geburtenraten sinken, die Zahl der Einwanderer steigt. Deutschland wandelt sein Gesicht.

Während in der Bundesrepublik die Krise tobt, verrennen sich die Politiker in Parteienstreits. Auch die „Politprofis“ auf der Bühne verwickeln sich in einen regierungsinternen Konkurrenzkampf. Währenddessen gewinnt Diernowski an Selbstbewusstsein, entwickelt einen eigenen politischen Willen und wächst zum moralischen Gewissen der Nation heran.

Auf die unverblümte Frage hin, wie viel Angela Merkel wert sei, stellt einer der Protagonisten ein ausgeklügeltes Rechensystem auf, mit dessen Hilfe er den Wert eines einfachen Bürgers über sämtliche Politiker bis hin zu einem palästinensischen Sprengstoffattentäter ermittelt.

Rechtssprechung, Gesundheits- und Außenpolitik werden auf ihre Mängel hin bloßgestellt.

Die mangelnde Fähigkeit, vorausblickende Entscheidungen zu treffen, und das kurzfristige Denken in Legislaturperioden, die Absenz an Verantwortungs- und Schuldbewusstsein und die Verschwiegenheit über offensichtliche Problemlagen ist Thema des Kabaretts. Die überwiegend dürftige Charakterausstattung und dominierende Karriereorientiertheit der Politiker wird von den Interpreten deutlich dargestellt. Das Augenmerk des Zuschauers soll auf die Vorherrschaft von Dilettantismus und Oberflächlichkeit in unserer Regierung gerichtet und vor zunehmender Enteignung der Bürger durch Verstaatlichung gewarnt werden.
Das Stück kann als Appell an die Politiker aufgefasst werden, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden und den Bürgern mit gutem moralischem Beispiel voranzugehen. Andererseits ist es jedoch schlichtweg eine pointiert satirische Karikatur der deutschen Politiker, die den verbliebenen politisch Interessierten unserer Landesbürger zur Unterhaltung dient. Amüsante Sketche, Solonummern und Lieder lockern die Stimmung auf und sezieren auf satirische wie gnadenlose Art das krisengeschüttelte Deutschland. Die Paradoxien, Wahnwitziges und Widersinniges deutscher Politik werden in absurden und teilweise grotesken Situationen schonungslos demonstriert.

Mit Gesang und gekonntem Witz wird dem Zuschauer ein unterhaltsamer Abend bereitet. Das eingespielte Team beweist schauspielerische Souveränität und wird von zwei geübten Musikern gekonnt begleitet. Erstaunlich ist die Fehlerlosigkeit, mit der das Duo die abwechslungsreiche musikalische Komponente meistert und zwischen verschiedensten Stilen hin und her springt. Ein wahrhaft lohnenswerter Theaterbesuch!

Melanie-F. Klein (K2)

 

„Mein Kampf“ – eine Farce von George Tabori
11. Oktober 2009 im Berliner Ensemble


Berliner Ensemble

„Mein Kampf“ – wenn ein Theaterstück so heißt, klingt das nach einem Tabubruch, nach etwas Unerhörtem. Und tatsächlich ereignet sich auf der Bühne Unerhörtes: George Tabori, in dessen Theaterstücken sich immer wieder die unmöglichsten Begegnungen ereignen, lässt den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl (hervorragend gespielt von Michael Rothmann) auf einen jungen Mann aus Braunau am Inn treffen, einen jungen Mann namens Adolf Hitler. Schlomo sucht nach einem Titel für seinen Roman und findet ihn in „Mein Kampf“ – eine absurde Umkehrung der Erwartungshaltung, die den Tabori-Stoff so reizvoll macht.

Das Stück spielt 1910 in einem recht heruntergekommenen Männerasyl. Der vollkommen untalentierte Hitler kommt nach Wien, um Kunst zu studieren, wird aber von der Aufnahmekommission der Kunstakademie abgelehnt. Ausgerechnet Schlomo tröstet ihn und versucht, ihn wieder aufzubauen.

Am Beginn des Stückes ist Adolf Hitler nichts als ein armseliges, widerliches Würstchen, ein egozentrischer, aber hilfloser Neurotiker, den der Zuschauer nicht nur einmal mit Verstopfungen auf dem Klo präsentiert bekommt, was in Teilen wirklich komisch ist. Zum Ende hin wird uns dann aber der radikale Judenhasser und monströse Machtmensch Adolf Hitler präsentiert. Hier will Regisseur Hermann Beil eine Entwicklung seiner Figur vorführen. Das gelingt aber nur sehr bedingt, weil Jörg Thieme mit der Rolle des Hitler zum Teil recht überfordert wirkt. Dennoch bleibt einem am Ende das Lachen im Halse stecken, vor allem wenn Frau Tod (großartig verkörpert von Martin Schneider) Hitler zu sich holen will, aber eben nicht als Opfer, sondern als willkommenen Kompagnon, als das Werkzeug, das einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte letzten Endes tatsächlich wurde.

Die Inszenierung am Berliner Ensemble spart nicht mit Effekten. Dass Judith Strößenreuter als Schlomos Geliebte Gretchen minutenlang vollkommen nackt agieren muss, scheint dabei aber doch arg überzogen, zumal dies der Sache kaum dient.
Alles in allem aber ein überaus interessanter Theaterabend, der viel Stoff zur Diskussion bietet, der auch anregt, über grundsätzliche Fragen nachzudenken: Was soll bzw. darf Theater in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mehr als 60 Jahre nach Hitlers Tod leisten? Ist es erlaubt, über das spätere Monstrum Hitler zu lachen? Und vor allem: Will man darüber lachen können? Die Antwort darauf muss jeder Zuschauer für sich selbst finden.

                                                                                                                      Frank Jürgens


 

 

 

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